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46. Ein Besucher

 

Stuhl

Am nächsten Morgen war von der Vergeltung nur noch die Spitze des höchsten Mastes zu sehen, an dem noch das zerfetzte Marssegel flatterte. Wie eine einsame Fahnenstange ragte er aus der Marsch. Eigentlich hätte sie sich den Anblick lieber erspart, aber Jenna musste einfach mit eigenen Augen sehen, was aus dem schwarzen Schiff geworden war. Den anderen, die noch schliefen, sollte es später nicht anders gehen. Jenna schloss den Fensterladen wieder und wandte sich ab. Sie wollte viel lieber ein anderes Boot sehen.

Das Drachenboot.

Sie trat aus der Hütte in den sonnigen Frühjahrsmorgen. Das Drachenboot unten im Mott bot einen majestätischen Anblick. Es lag hoch im Wasser und reckte den Hals und den goldenen Kopf der Sonne entgegen, um zum ersten Mal seit Jahrhunderten wieder ihre warmen Strahlen einzufangen. Die grünen Schuppen an Hals und Schwanz und der goldene Rumpf funkelten und leuchteten so grell, das Jenna die Augen zusammenkneifen musste. Auch der Drache hatte die Augen halb zu. Zuerst dachte Jenna, er schlafe noch, doch dann erkannte sie, dass er nur seine Augen vor der Helligkeit schützte. Seit er von Hotep-Ra lebendig begraben worden war, hatte er kein anderes Licht mehr gesehen als den matten Schein einer Laterne.

Jenna ging zum Steg hinunter. Das Boot war groß, viel größer, als sie es von der letzten Nacht in Erinnerung hatte, und nun, da das Flutwasser aus den Marschen abgeflossen war, lag es wie eingeklemmt im Mott. Jenna hoffte, dass der Drache sich nicht eingesperrt fühlte. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und legte ihm die Hand auf den Hals.

Guten Morgen, königliche Hoheit, vernahm sie die Stimme des Drachen.

»Guten Morgen, Drache«, flüsterte Jenna. »Ich hoffe, du hast es im Mott bequem.«

Ich habe Wasser unter mir, und die Luft riecht nach Salz und Sonne. Was könnte ich mir mehr wünschen?, fragte der Drache.

»Nichts«, stimmte ihm Jenna zu. »Gar nichts.« Sie setzte sich auf den Steg und beobachtete, wie sich die Kringel des Morgendunstes in der Sonne auflösten. Dann lehnte sie sich zufrieden mit dem Rücken gegen das Boot und lauschte dem Plantschen und Plätschern der verschiedenen Geschöpfe im Mott. Mittlerweile hatte sie sich an die Unterwasserbewohner gewöhnt. Sie ekelte sich nicht mehr vor den Aalen, die sich auf ihrer langen Reise in die Sargassosee durch den Mott schlängelten. Auch an den Wassernixen störte sie sich kaum noch, allerdings vermied sie es, mit nackten Füßen im Schlamm zu waten, seit sich eine an ihren großen Zeh gehängt und erst wieder losgelassen hatte, als Tante Zelda sie mit einer Röstgabel bedrohte. Sogar die Marschpython fand sie ganz sympathisch, aber das lag wahrscheinlich daran, dass sie seit dem großen Tauen nicht mehr zurückgekehrt war. Sie kannte die Geräusche, die jedes Geschöpf verursachte, aber wie sie so in der Sonne saß und verträumt dem Treiben einer Wasserratte und eines Schlammfischs lauschte, vernahm sie Laute, die sie nicht kannte.

Das Geschöpf, was immer es war, stöhnte und jammerte Mitleid erregend. Dann keuchte, platschte und jammerte es noch lauter. Jenna hatte so etwas noch nie gehört. Und es klang nach einem großen Geschöpf. Jenna versteckte sich hinter dem dicken grünen Schwanz des Drachen, der eingerollt auf dem Steg lag, und spähte hinter ihm hervor, um festzustellen, was das für ein Geschöpf war, das einen solchen Lärm machte.

Es war der Lehrling.

Er lag mit dem Gesicht nach unten auf einer geteerten Planke, die so aussah, als stamme sie von der Vergeltung, und paddelte mit bloßen Händen durch den Mott. Er sah erschöpft aus. Seine schmuddeligen grünen Kleider klebten ihm am Leib und dampften in der Morgensonne, und das glatte dunkle Haar hing ihm in Strähnen in die Augen. Er hatte anscheinend kaum noch Kraft, den Kopf zu heben und zu sehen, wo er hinpaddelte.

»He, du!«, rief Jenna. »Hau ab.« Sie hob einen Stein auf, um ihn nach ihm zu werfen.

»Nein. Bitte nicht«, flehte der Junge.

Nicko erschien. »Was ist los, Jen?« Er folgte Jennas Blick. »He, verzieh dich!«, schrie er.

Der Lehrling hörte nicht. Er paddelte mit seiner Planke bis zum Steg und blieb dort entkräftet liegen.

»Was willst du hier?«, fragte Jenna.

»Ich ... das Schiff ... es ist untergegangen. Ich bin davongekommen.«

»Der Abschaum schwimmt immer oben«, bemerkte Nicko.

»Wir sind überfallen worden. Von braunen, schleimigen ... Kreaturen.« Der Junge zitterte. »Sie haben uns in den Morast hinuntergezogen. Ich bekam keine Luft mehr. Alle sind tot. Bitte helft mir.«

Jenna sah ihn unschlüssig an. Sie war so früh aufgewacht, weil sie von kreischenden Braunlingen geträumt hatte, die sie in den Morast hinunterzogen. Ihr schauderte. Sie wollte nicht daran denken. Wenn sie nicht einmal den Gedanken daran ertragen konnte, wie schlimm musste es dann erst für den Jungen sein, der es tatsächlich erlebt hatte?

Der Lehrling merkte, dass Jenna unsicher wurde. Er versuchte es noch einmal.

»Was ... was ich eurem Tier angetan habe, tut mir Leid.«

»Der Boggart ist kein Tier«, erwiderte Jenna entrüstet. »Und er gehört nicht uns. Er ist ein Geschöpf der Marschen. Er gehört niemandem.«

»Oh.« Der Lehrling begriff, dass er einen Fehler begangen hatte. Er probierte es wieder mit der anderen Masche, die besser funktioniert hatte.

»Es tut mir Leid. Ich ... ich hatte einfach so große Angst.«

Jenna wurde weich. »Wir können ihn doch nicht einfach auf der Planke liegen lassen«, sagte sie zu Nicko.

»Wieso denn nicht?«, erwiderte Nicko. »Außer vielleicht, weil er den Mott verschmutzt.«

»Wir bringen ihn besser rein«, sagte Jenna. »Komm, reich uns deine Hand.«

Sie halfen dem Lehrling von der Planke, und halb führten, halb trugen sie ihn zur Hütte hinauf.

»Was schleppt ihr denn da an?«, bemerkte Tante Zelda, als sie den Lehrling vor dem Kamin auf den Boden plumpsen ließen.

Junge 412 erwachte. Verschlafen stand er auf und entfernte sich ein paar Schritte. Beim Erscheinen des Lehrlings hatte er das Aufflackern schwarzer Magie bemerkt.

Der Lehrling saß bleich vor dem Kamin und schlotterte. Er sah krank aus.

»Lass ihn nicht aus den Augen, Nicko«, sagte Tante Zelda. »Ich hole ihm etwas Heißes zu trinken.«

Sie kam mit einem Becher Tee aus Kamille und Kohl wieder. Der Lehrling verzog das Gesicht, trank aber. Wenigstens war der Tee heiß.

Als er ausgetrunken hatte, sagte Tante Zelda zu ihm: »Ich rate dir, uns jetzt zu sagen, was du hier willst. Noch besser, du sagst es Madam Marcia. Marcia, wir haben Besuch.«

Marcia stand in der Tür. Sie kam soeben von einem Morgenspaziergang um die Insel zurück, den sie zum einen unternommen hatte, um nach der Vergeltung zu sehen, hauptsächlich aber, um die süße Frühlingsluft und den noch süßeren Duft der Freiheit zu atmen. Obwohl sie nach ihrer fünfwöchigen Gefangenschaft abgemagert war und noch dunkle Ringe unter den Augen hatte, sah sie schon viel besser aus als am Vorabend. Ihr lila Seidengewand war frisch und sauber dank einem Fünf-Minuten-Tiefenreinigungszauber, von dem sie hoffte, dass er auch alle Spuren schwarzer Magie beseitigt hatte. Schwarze Magie war ein klebriges Zeug, daher hatte sie besonders gründlich sein müssen. Ihr Gürtel funkelte nach einer Hochglanzpolitur, und an ihrem Hals baumelte das Echnaton-Amulett. Sie fühlte sich prächtig. Sie hatte ihre Zauberkräfte wiedererlangt, und sie war wieder Außergewöhnliche Zauberin. Ihre Welt war wieder in Ordnung.

Bis auf die Galoschen.

Marcia schleuderte die verhassten Überschuhe an der Tür von sich und spähte in die Hütte, die ihr nach der hellen Frühlingssonne düster vorkam. Am Kamin war es besonders dunkel, und Marcia brauchte einen Augenblick, ehe sie erkannte, wer dort saß. Ihre Miene verfinsterte sich.

»Ah, die Ratte vom sinkenden Schiff«, fauchte sie.

Der Lehrling sagte nichts. Er musterte Marcia verschlagen, und der Blick seiner kohlschwarzen Augen blieb am Amulett hängen.

»Berührt ihn nicht«, warnte Marcia. »Keiner.«

Jenna war verdutzt über Marcias Ton, entfernte sich aber vom Lehrling. Nicko folgte ihrem Beispiel. Junge 412 ging hinüber zu Marcia.

Der Lehrling blieb allein am Kamin zurück. Er blickte in die Runde. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Sie sollten Mitleid mit ihm haben. Wie das Königsbalg. Die hatte er bereits herumgekriegt. Und die verrückte Weiße Hexe. Zu dumm, dass die ehemalige Außergewöhnliche Zauberin im falschen Moment aufgetaucht war und ihm dazwischengefunkt hatte. Er blickte missmutig drein.

Jenna sah den Lehrling forschend an. Er wirkte irgendwie anders als sonst, aber sie kam nicht dahinter, woran es lag. Wahrscheinlich hatte es damit zu tun, dass er auf dem Schiff eine furchtbare Nacht gehabt hatte. Jeder hätte diesen finsteren, gehetzten Blick, wenn hunderte kreischende Braunlinge versucht hätten, ihn in den Wabberschlamm hinunterzuziehen.

Doch Marcia wusste, warum der Junge anders aussah. Bei ihrem Spaziergang um die Insel hatte sie nämlich eine Beobachtung gemacht, bei der ihr beinahe das Frühstück wieder hochgekommen wäre, auch wenn zugegebenermaßen nicht viel passieren musste, damit ihr Tante Zeldas Frühstück wieder hochkam.

Daher ließ sie sich nicht überrumpeln, als der Lehrling plötzlich in die Höhe schnellte und ihr mit ausgestreckten Armen an die Kehle sprang. Sie entwand das Amulett seinem gierigen Griff und schleuderte ihn mit einem krachenden Feuerblitz zur Tür hinaus.

Der Lehrling blieb besinnungslos auf dem Weg liegen.

Die anderen umringten ihn.

Tante Zelda war entsetzt. »Marcia«, murmelte sie. »Ich fürchte, Sie sind zu weit gegangen. Er mag der unausstehlichste Junge sein, der mir je untergekommen ist, aber er ist trotzdem ein Kind.«

»Nicht unbedingt«, entgegnete Marcia grimmig. »Und ich bin noch nicht fertig. Tretet bitte zurück, alle.«

»Aber«, hauchte Jenna, »er ist doch unser Bruder.«

»Ich glaube nicht«, sagte Marcia scharf.

Tante Zelda legte ihr die Hand auf den Arm. »Marcia, ich weiß, dass Sie wütend sind. Das ist nach Ihrer Gefangenschaft nur zu verständlich, aber Sie dürfen Ihre Wut nicht an einem Kind auslassen.«

»Ich lasse sie nicht an einem Kind aus, Zelda. Sie sollten mich besser kennen. Das ist kein Kind. Das ist DomDaniel.«

»Was?«

»Und ich bin keine Schwarzkünstlerin«, fuhr Marcia fort. »Ich vernichte niemals ein Leben. Ich kann ihn nur dorthin zurückbefördern, wo er war, als er diese abscheuliche Tat begangen hat, und dafür sorgen, dass er keinen Nutzen davon hat.«

»Nein!«, schrie DomDaniel in der Gestalt des Lehrlings.

Er fluchte mit der dünnen, schrillen Stimme, mit der zu sprechen er gezwungen war. Sie war ihm schon auf die Nerven gegangen, als sie noch diesem elenden Wicht gehört hatte, aber nun, da sie ihm gehörte, war sie ihm unerträglich.

DomDaniel rappelte sich auf. Er wollte nicht wahrhaben, dass sein Plan, sich das Amulett zurückzuholen, gescheitert war. Er hatte sie alle zum Narren gehalten. Sie hatten ihn aus falschem Mitleid aus dem Wasser gefischt, und sie hätten sich auch weiterhin um ihn gekümmert. Bei der ersten günstigen Gelegenheit hätte er sich das Amulett geschnappt und dann – ach, wie anders wäre alles gekommen. Verzweifelt unternahm er einen letzten Versuch. Er warf sich auf die Knie.

»Bitte«, flehte er. »Sie irren sich. Ich bin es nur. Ich bin nicht...«

»Hinweg mit dir!«, befahl ihm Marcia.

»Nein!«, schrie er.

Doch Marcia fuhr fort:

»Hinweg mit dir.
Dorthin, wo du warst,
als du warst,
was du warst!«

Und fort war er, wieder auf der Vergeltung, in der dunklen Tiefe aus Schlamm und Morast.

Tante Zelda blickte empört. Sie wollte noch immer nicht glauben, dass der Lehrling in Wahrheit DomDaniel war. »Sie haben etwas Furchtbares getan, Marcia«, sagte sie. »Der arme Junge.«

»Von wegen armer Junge«, raunzte Marcia. »Kommt mit, ich muss euch etwas zeigen.«

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